Einige Überlegungen zur Integration des Ansatzes „System- bzw. Familienaufstellungen“
in einem systemischen Kontext - und am Beispiel der psychotherapeutischen Arbeit
mit Drogenabhängigen
(Teil eines Vortrags am „Psychologischen Institut“ der Universität
in Moskau /1993)
von Heribert Döring-Meijer
Sucht und Adoleszenzkonflikt
Das systemische Paradigma geht von der Prämisse aus, daß die Grundeinheit
des Lebens und der Entwicklung nicht allein der individuelle Organismus ist,
sondern das jeweilige Bezugssystem, in das der Organismus eingebettet ist. Wesentlich
sind hier die Austauschprozesse zwischen Individuum und Bezugssystem.
Menschliches Verhalten und Erleben ist daher nicht allein als Ergebnis eines
intrapsychischen Prozesses zu begreifen, sondern zugleich auch Resultat von
Wechselwirkungen zwischen dem Einzelnen und dem Ihm umgebenden Kontext.
Das gilt ebenso für die Entwicklung von symptomatischen Verhalten, wobei
hier die Auswirkung des Symptoms von besonderer Bedeutung ist.
Symptome (z.B. Sucht/Drogenabhängigkeit/Psychosomatik etc.) werden nicht
mehr als Defekte einer individuellen Struktur begriffen, sondern als schlüssige,
sinnvolle und angemessene Reaktionsmuster im jeweiligen Kontext.
Bei Sucht handelt es sich um eine orale Fixierung die mit fortlaufender Regression
einhergeht und meistens auf narzisstische Kränkung zurückzuführen
ist.
Die Labilisierung Suchtkranker
geschieht durch nicht befriedigte orale Bedürfnisse im psychosozialen Kontext
(z.B. Mutter). Idealisierte Objekte entziehen sich zwangs-läufig, da sie
nicht immer und unentwegt verfügbar sein können und werden ersetzt
durch das Suchtmittel als Trost gegen die vermeintliche Zurückweisung.
Suchtkranke/in erster Linie aber Drogenabhängige sind extrem abhängig
von der Zuneigung anderer, um sich lebendig zu fühlen. Es kommt aufgrund
der als unsicher empfundenen Bindung zu den primären Bezugspersonen ( z.B.
Eltern ) zu einem intensiven Erleben des Zurückgestoßenseins, des
Ausgeliefertseins verbunden mit intensiven Abhängigkeitsgefühlen.
Die eher narzisstisch - schizoide Haltung der Drogenabhängigen ist in diesem
Sinne verstehbar als ein Schutz vor erneuter Kränkung und Verletzung, wobei
im Hintergrund dieser Orientierung starke symbiotische Wünsche vorzufinden
sind.
Die Liebesobjekte sind allerdings irgendwann in hohem Maße austauschbar,
das zentrale Anliegen des Suchtmittelabhängigen ist die Anwesenheit eines
beliebigen Objekts.
Häufig findet man gerade bei Drogenabhängigen, die oft aus „Broken
- Home“ Situationen kommen, ein tiefes „Urmisstrauen“ vor,
das sie dazu bewegt, nahe, intensive Beziehungen zu vermeiden oder sie nur bei
permanentem Drogenkonsum einzugehen, um damit gleichzeitig wieder Distanz herzustellen.
Begleitet sind diese Objektbeziehungen von Ängsten und einem Gefühl
der Hilflosigkeit.
In stark frustrierenden Situationen, bei Zurückweisung und Enttäuschung
regredieren Drogenabhängige auf diesen Zustand und meinen sich nur über
eine erneute Zufuhr von Suchtmitteln davor schützen zu können. Die
Droge hat hier Selbstheilungsfunktion und schützt das Individuum vor eventuell
anderen schwerwiegenden Folgen seiner Fehlentwicklung wie Suizid, Psychose,
Selbstentwertung etc. Die Droge funktioniert in diesem Zusammenhang als Instrument
der Selbstheilung - und hat erst einmal schützende Funktion und ist soziale
Instanz.
Viele pathologische, selbst- und fremdschädigende Reaktionen wie Sucht,
Gewalt, Autoaggression, sexueller Missbrauch erhalten angesichts der Erfahrung
in der Herkunftsfamilie aus Sicht der Betroffenen eine Form von Normalität,
da die Erfahrung eines Unterschieds (Unterschied, der den Unterschied macht),
also die Erfahrung mit einer anderen Wirklichkeit, die einen Unterschied zu
der eigenen sozialen Wirklichkeit ausmacht, vollkommen fehlt.
Die Drogenabhängigkeit ist - noch ausgeprägter als die Alkoholabhängigkeit
- Ausdruck eines Adoleszenzkonflikts. Also dem Wunsch nach Ablösung, die
zunächst nicht gelingen kann, weil zu wenig Verhaltensstrategien verfügbar
sind, die eine adäquate konstruktive Lösungsorientierung ermöglichen
und stattdessen zur autonomen Regulation von Krisen, die Abhängigkeit fixieren.
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