Frau Rinke, Sie beschäftigen
sich in Ihrer Beratungspraxis intensiv mit dem Thema „Stressbewältigung“.
Was ist dabei Ihrer Meinung nach entscheidend?
Das
Thema ist sehr komplex, und es gibt darüber sehr viele Informationen. Entscheidend
aber ist, die tatsächlichen Stressoren zu identifizieren. Oftmals ist es
nämlich nicht nur die Quantität der zu bewältigenden Aufgaben,
sondern auch das „Was“ ich tue (Inhalt) und das „Wie“
ich es tue (Art und Weise) sowie die jeweilige innere Einstellung dazu.
Können Sie uns ein kurzes Beispiel nennen?
Um es zu verdeutlichen: Wenn eine Person z.B. den Anspruch hat, dass in ihrem
Arbeitsumfeld möglichst alles perfekt, pünktlich und geordnet vonstatten
geht (womit sie allerdings schon von Hause aus einen potentiellen Stressor hat),
jedoch in einem Umfeld arbeitet, in dem Abläufe nicht präzise planbar
und vorhersehbar sind, nehmen wir als Beispiel ein Krankenhaus, dann hat sie
einen inneren, meist unbewussten Konflikt, der auf Dauer sehr kräftezehrend
wirkt. Das ist wie gegen Windmühlen kämpfen.
Was hilft in einem solchen Fall?
Meines Erachtens gibt es für die Stressbewältigung keine Null-Acht-Fünfzehn-Lösung.
Es ist immer alles sehr individuell, so wie die Menschen selbst. Es hilft allerdings,
sich diese Zusammenhänge wirklich einmal bewusst zu machen. Der innere
Antreiber: „Ich/Es muss immer perfekt sein“ lässt sich z.B.
wunderbar hinterfragen mit: „Sonst passiert was?“ Damit kommt man
sich selbst schon ein Stück weit auf die Spur, und das führt oft zu
einem erhellenden „AHA“-Effekt. Zur Unterscheidung davon: ein gesunder
Ehrgeiz gehört natürlich auch zu einem erfolgreichen Leben –
und das bringt ja definitiv Freude und Anerkennung. Da geht es eben um die Balance.
Burn-out ist bei Frauen eines der häufigsten Symptome in unserer modernen
Gesellschaft. Wie kommt das?
Das liegt sicherlich an den vielen unterschiedlichen Rollen, die Frauen gleichzeitig
innehaben und an ihrem Anspruch, alles „mindestens hervorragend“
zu machen. Da kommt es vor, dass Erschöpfungssymptome als Feinde betrachtet
werden, die besiegt werden wollen. Üblicherweise wird dazu noch mehr Willenskraft
eingesetzt und sich noch mehr angestrengt! Ein Teufelskreis.
Es gibt ja meterweise Ratgeber und vielfältige Angebote zum Thema Entspannung
und Stressbewältigung. Warum kommen die Menschen meistens damit nicht wirklich
voran?
Weil Stressbewältigung eben individuell ist und mit dem Thema eine Bewusstseinsbildung
verbunden ist, die etwas mehr Zeit und Initiative braucht. In letzter Konsequenz
geht es natürlich um die Umsetzung der neu erworbenen Erkenntnisse. Ohne
dieses TUN bleibt alles so, wie es ist. Es gehört auch etwas Mut dazu,
eingetretene Pfade zu verlassen.
Was schlagen Sie als ersten Schritt den vielen Frauen vor, die sich erschöpft
fühlen?
„Lächeln Sie und tun Sie (mal) nichts!“ - Sie können es
sich vielleicht nicht vorstellen, aber diese Mini-Übung kann schon ein
kleines Wunder bewirken: Einfach da sitzen, Augen schließen, ruhig atmen,
die Gedanken ziehen lassen wie Wolken am Himmel, nur wahrnehmen, sonst nichts
– täglich fünf Minuten lang. Sie werden spüren, wie aufbauend
das ist.
Wie behandeln Sie diesen Themenkomplex in Ihrer Beratung?
Achtsamkeit und Prävention sind Schlüsselthemen. Ich arbeite auf mehreren
Ebenen, individuell und in der Gruppe. Ich lege auch Wert auf die Feststellung,
welche Form der Erschöpfung vorliegt, um gezielt intervenieren zu können.
Handelt es sich um eine akute Situation oder vielleicht schon um einen längeren
Verlauf? Beim ersteren bringen Sofortstrategien von gutem Zeitmanagement, Loslassen
von Ballast und ausgewählte körperliche Entspannungstechniken schnell
gute Ergebnisse. Beim zweiteren ist es zusätzlich sinnvoll, etwas tiefer
in die Struktur der Persönlichkeit hineinzuschauen.
Wenn Frauen in der Erschöpfungsfalle sitzen, haben Sie bereits sehr lange
Zeit ihre Energien überall hingetragen und das Auftanken vergessen. Wie
helfen Sie Ihren Klientinnen, wieder mehr Lebensqualität zu erlangen?
Zu Anfang unterstütze ich diesen Prozess gerne mit einer Selbst-Reflexions-Strategie:
Wie sieht mein inneres unbewusstes Leistungsskript aus? Woher kommt meine Energie,
wohin geht Sie? Welche Werte habe ich und welche haben zur Zeit Priorität?
Wer sind meine Förderer? Wer oder was sind meine Saboteure. Wie steht es
mit meiner körperlichen, mentalen und seelischen Gesundheit? etc.. Alternative
Handlungsstrategien können ja nur dann sinnvoll und dauerhaft entwickelt
werden, wenn ich weiß, worum es bei mir eigentlich geht. Alles andere
kratzt nur an der Oberfläche und führt langfristig nicht wirklich
zu zufriedenstellenden Ergebnissen.
Das klingt ja direkt nach zusätzlicher Arbeit, also Stress mit dem
Stress?
Das hängt von der Einstellung dazu ab. Sie können diesen „workshop
mit sich selbst“ als zusätzlichen Aufwand betrachten, aber auch z.B.
als einen bewussten Akt zu mehr Harmonie und Lebensfreude. Diese Wahl liegt
ganz bei Ihnen.
Frau Rinke, vielen Dank für das Gespräch!
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