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Die Pluto-Generationen

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Die Pluto-Generationen

Pluto in Waage (1971/72 – 1983/84)

  • Potential: Mutig für den Ausgleich kämpfen. Hohe Kreativität. Befreiung von Scheinharmonien.
  • Schatten: Aggressionsprobleme. Unkritisches Verfallensein an den schönen Schein. Beziehungshölle.

Vordergründig gaben sich die 70er Jahre nett, bunt und fröhlich. Niemand gelang es besser, dies auszudrücken, als Pop-Gruppen wie ABBA, Boney M. oder Village People, die in merkwürdigen Glitzerkostümen Frohsinn verbreiteten und damit grandiose Erfolge feierten. Die zwanghaft herbeigesehnte Scheinharmonie hatte auf die Dauer jedoch keine Chance.

Zum Staatsfeind Nr. 1 mutierte die RAF, die von 1972 bis 1977 die bundesrepublikanische Idylle aufs Korn nahm und damit für ungeheure Verstörung sorgte. Mehr noch als ihre konkreten Bluttaten schien man den Terroristen allerdings übel zu nehmen, dass sie den Allgemeinzustand der BRD kritisierten. Die Hysterie kulminierte in den Ereignissen von Stammheim, die zeigten, wie brutal unter Pluto in Waage gegen „Unruhestifter“ vorgegangen werden konnte.

Der Feind lauerte aber auch im Privatleben, das der Regisseur Ingmar Bergman 1973 in dem Film „Szenen einer Ehe“ gnadenlos sezierte, indem er minutiös das Scheitern einer bürgerlichen Musterehe vorführte. Der Film war Skandal und Publikumserfolg zugleich und eröffnete die längst überfällige Diskussion der traditionellen Ehe, in deren Folge viele Paare, die schon lange unglücklich verheiratet waren, tatsächlich den Mut fanden, sich zu trennen. 1977 erfolgte im Zuge dessen auch die überfällige Reform des deutschen Scheidungsrechts. Wie weh dieses an sich notwendige Ende vom Traum der „perfekten Ehe“ dennoch tut, demonstrierte auf der kollektiven Ebene wiederum die Popgruppe ABBA. Die immense öffentliche Anteilnahme am Scheitern der beiden Bilderbuch-Ehen innerhalb der Band zeigt, dass hier ein Stellvertreter-Konflikt ausgetragen wurde, mit dem sich viele leidenschaftlich identifizierten. Da die Ehe von nun an aufhörte, ein sicherer Hafen zu sein, in dem die Machtansprüche des Mannes sowie die Versorgungsansprüche der Frau unverrückbar zementiert waren, konnte ein anderer fälliger Ausgleichsprozess seinen Beginn nehmen, nämlich der der Gleichstellung der Frau.

Auf der politischen Ebene setzte der waagetypische Kampf um mehr Frieden ein: Willy Brandt machte 1971 mit seinem berühmten Kniefall vor dem Warschauer-Ghetto-Denkmal den Weg frei für die Ostverträge, die die Entspannung zwischen den Blöcken einleiteten. 1979 formierte sich angesichts des Nato-Doppelbeschlusses die deutsche Friedensbewegung.

Die Erben (die Generation der 20- bis 35-jährigen): Die erste Generation der Scheidungskinder hat gewiss kein unverkrampftes Verhältnis zum Thema Partnerschaft. Die Palette reicht hier von Beziehungsängsten und dem Sich-nicht-einlassen-Können, Absolutheitsansprüchen, die zwangsläufig an der Realität scheitern müssen, dem Hang, intakte Beziehungen zu zerstören, weil man an dauerhaftes Beziehungsglück nicht glauben kann, bis hin zu symbiotischen Bindungswünschen, mit denen man die Sicherheit herbeizuzwingen versucht, die das Elternhaus nicht geben konnte. Vor allem, wenn persönliche Planeten involviert sind, fällt der Weg zu einer lebbaren Beziehung nicht immer leicht.

Ansonsten scheint sich die Pluto-Waage-Generation an den Tücken und Chancen eines ästhetischen Lebensentwurfes abzuarbeiten. Sie verfügt über ein enormes kreatives Potential, was die momentan sehr junge Szene von Künstlern, Designern, Mode-, Werbe- und Medienfachleuten eindrucksvoll demonstriert. Die Sehnsucht, die Welt zu verschönern und ein harmonisches Umfeld zu kreieren, kann jedoch auch in eine hohle Oberflächenfixierung münden, die die Schattenseiten des Lebens unkritisch ausblendet. Es ist erschreckend, wie viele hübsche junge Mädchen dieser Generation sich bereitwillig unter das Messer eines Schönheitschirurgen legen, um normierten Schönheitsidealen zu entsprechen. Andere hingegen reizt offenbar mehr das Spiel mit der Ästhetik des Hässlichen oder sogar des Ekels, wie etwa die Piercing-Welle, die Neigung zu gammelig wirkender „Streetwear“ und ein momentan eher herbes weibliches Schönheitsideal zeigen. Lifestyle, Markenmode, perfektes Styling (bis hin zum Designer-Handy) haben insgesamt jedoch eine ungeheure Wichtigkeit erlangt, und „Shopping“, d.h. die Befriedigung durch den Erwerb schöner Dinge, ist zum anerkannten Hobby selbst hochintelligenter Menschen geworden.

Die Pluto-in-Waage-Generation ist übrigens die erste, die voll und ganz dem Computerspiel verfallen ist, das Schlachtfelder generiert, auf denen man unblutig (Waage) die größten Metzeleien (Pluto) veranstalten kann. Unter den Pluto-in-Skorpion-Geborenen (s.u.) scheint sich dieser Hang weiter zu vertiefen.

Pluto in Skorpion (1983/84 – 1995)

  • Potential: Heilung durch das Aufbrechen von Tabus.
  • Schatten: Die Auslösung destruktiver Prozesse.

Als Pluto in den Skorpion, sein ureigenstes Zeichen, tritt, ändert sich die Stimmungslage schlagartig: Ab nun liebt man es, in Düsternis zu schwelgen. Diesmal ist es die Popgruppe „Depeche Mode“, die den neuen Zeitgeist abpasst und 1983/84 mit einem abgründigen Soundbild und schwarzer Romantik triumphale Erfolge feiert. S&M-Anleihen vermischt mit coolen Gewaltanspielungen zeigen jedenfalls, dass die Zeit des unschuldigen Blümchensex vorbei ist. Auch Punk- und „Underground“-Bands, die schon seit längerem seelische Abgründe offensiv auf die Bühne brachten, werden plötzlich von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Nick Cave als der „Hohepriester“ dieser Szene gründet 1984 seine bis heute erfolgreiche zweite Band „The Bad Seeds“ (dt. „Die Saat des Bösen“). Wohin der Trip in die Abgründe der Seele führen kann, demonstriert Kurt Cobain, der Sänger der Rockgruppe „Nirvana“, der sich aufgrund nervlicher Zerrüttung 1994 (also gegen Ende der Pluto-in-Skorpion-Phase) die Schrotflinte an den Kopf setzt und damit eine Selbstmordwelle unter den Fans auslöst.

Eines politischeren Spektrums unerlöster Skorpion-Themen nimmt sich die Rockgruppe U2 an, die 1983 mit dem Album „War“ (dt. „Krieg“) ihren endgültigen Durchbruch erlebt. U2 macht sich bis heute zum Sprachrohr der unheilen Welt und greift vom IRA-Terror über Rassismus und Apartheid, politische Verfolgung, Armut, Umweltzerstörung bis hin zur katastrophalen Verschuldung der Dritten Welt alles auf, was von den Industrienationen gerne unter den Teppich gekehrt wird. Hinzu kommen Rockmusiker wie Bob Geldorf, denen es gelang, durch „Band Aid“-Projekte riesige Summen für wohltätige Zwecke (z.B. Welthungerhilfe) aufzubringen und die Fans politisch zu mobilisieren. Immerhin brachen unter Pluto in Skorpion tatsächlich zwei unhaltbar gewordene politische Systeme zusammen: 1989 fiel die Berliner Mauer, was insgesamt die Auflösung des sozialistischen Ostblocks einläutete. Und ab 1991 war auch das rassistische Apartheidregime in Südafrika am Ende.

Die skorpionische Erkenntnis, wie nahe im Leben doch der Tod ist, rücken zwei Ereignisse der 80er Jahre schockartig ins Bewusstsein: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) machte deutlich, dass die Atomenergie eben nicht beherrschbar ist (der skorpionische Kontrollwahn wurde quasi durch Pluto aufgebrochen). Und an Sex konnte man, nach Jahren der unbeschwerten sexuellen Befreiung, plötzlich wieder sterben. Durch die Entdeckung des AIDS-Virus ließ sich zudem ein weiteres Tabu-Thema nicht länger beiseite schieben: Nachdem den Homosexuellen zunächst unter der Hand die Schuld an der Seuche zugeschoben wurde, kam es in den Jahren danach zu einer einschneidenden Emanzipationsbewegung, durch die die Schwulenbewegung erheblich an gesellschaftlicher Akzeptanz und Sympathiewerten gewann.

Da Pluto und Skorpion über die Abgründe der Seele regieren, wundert es nicht, dass in den 80er Jahren die Therapie-Welle rollte. Die Überzeugung breitete sich aus, dass nur dann Heilung zu erlangen sei, wenn alles Verdrängte schonungslos ans Licht geholt würde. So befreiend und notwendig das auch in vielen Fällen gewesen sein mag – endlich wurde z.B. offen über den sexuellen Missbrauch in der Familie geredet -, tat man sich schwer, hierbei die Grenzen zu erkennen, so dass Therapie und Selbsterfahrung auch zerstörerische Formen annehmen konnten. Im Privatfernsehen wurde zur gleichen Zeit der „Seelenstriptease“ erfunden – plötzlich konnte man in nachmittäglichen Talkshows mehr über sexuelle Verirrungen erfahren, als man je hatte wissen wollen.

Die Erben (die Generation der 10- bis 20-jährigen): Was die Erben aus dem Pluto-Skorpion-Thema machen werden, ist bislang noch unklar. Bis jetzt zeichnet sich in den Schulen allenfalls ein erhöhtes Aggressionspotential und eine beunruhigende Gewaltbereitschaft (z.B. Amokläufe) ab. Dahinter könnte jedoch die Kraft stehen, Fassaden herunterzureißen und vielen Lebenslügen unserer Zeit ein Ende zu bereiten. Der Konflikt mit der Pluto-in-Waage-Generation scheint jedenfalls vorprogrammiert.

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Autor:   Petra Dörfert
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