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Die Pluto-Generationen

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Die Pluto-Generationen

Pluto in Löwe (1937/39 – 1956/58)

  • Potential: Die Befreiung des Individuums.
  • Schatten: Der nationale und persönliche Egotrip.

In Pluto in Löwe kommt es weniger zu dem, was man landläufig erwarten würde, nämlich zu einer Steigerung des individuellen Ausdrucks, sondern gerade das Gegenteil tritt ein: Das Individuum wird dienstbar gemacht für das „große Ganze“. Es verkümmert zum Rädchen einer gesichtslosen Kriegsmaschinerie, die von kollektiver Macht und Größe träumt und sich mit der einen großen Führerpersönlichkeit identifiziert. Wer es dennoch wagt, seine Stimme zu erheben, spielt im Faschismus mit dem Leben. Leider ist es nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Unterdrückung und Knebelung des Einzelmenschen noch längst nicht vorbei: Der Konformitätsdruck im Nachkriegsdeutschland ist hoch, in der Sowjetunion herrscht bis 1953 weiterhin der Stalinismus, in den USA steht während der antikommunistischen McCarthy-Ära (1950-54) jeglicher Ausdruck von Individualität unter Generalverdacht.

Die Erben (die Generation der 50- bis 65-jährigen): Es ist ein Phänomen - seit einigen Jahren feiern andauernd irgendwelche berühmten Rockstars ihren 60. Geburtstag, obwohl eigentlich keiner von ihnen daran gedacht hat, jemals so alt zu werden. Sie alle stammen aus der Pluto-in-Löwe-Generation, die sich mit Macht gegen das repressive Klima ihrer Jugendzeit auflehnte, um endlich der Löwe-Energie ihren angemessenen individuellen Ausdruck zu verleihen. Statt sich dem kollektiven, faschistoiden Egotrip unterzuordnen, wollte man endlich Spaß haben und sich selbst verwirklichen. Niemand hat diesen Drang besser zum Ausdruck gebracht als Mick Jagger, der mit seiner Sonne-Pluto-Konjunktion im Löwen den persönlichen Egotrip zur gefeierten Kunstform erhob. Die Pluto-in-Löwe-Generation fand ihr Feindbild im Klima der Pluto-in-Jungfrau-Epoche (s.u.), in der sie den „kleinbürgerlichen Spießern“ mit Rock-Musik und Drogen (Neptun in Skorpion 1956-70) sowie der 68er Revolution kräftig einheizte.

Nicht jedem Vertreter dieser Generation ist allerdings die Selbstentfaltung gelungen. Gerade mit Pluto in Konjunktion zum Löwe-Aszendenten oder im 1. Haus gibt es viele Betroffene, die sich lebenslang mit einem harten Konformitätsdruck auseinandersetzen mussten und nur wenig individuellen Ausdruck wagten.

Andere wiederum haben sich mit den Mitstreitern ihrer Generation in unentwirrbare Rivalitäten verstrickt, weshalb es unter den Betroffenen auch viele „einsame Könige“ gibt.

Pluto in Jungfrau (1956/58 – 1971/72)

  • Potential: Die Fähigkeit, durch gründliches, pragmatisches Handeln Dinge in Bewegung zu setzen. Achtsamkeit für die Umwelt und die natürlichen Ressourcen.
  • Schatten: Die Zwangsneurose.

Der Übergang Plutos von Löwe nach Jungfrau vollzieht sich relativ unauffällig. Kein Wunder, denn auf der gesellschaftlichen Ebene wird im Grunde nur Gleichmacherei (Pluto/Löwe negativ) gegen Spießertum (Pluto/Jungfrau negativ) ausgetauscht. Das gravierendste politische Ereignis von 1956 ist die Niederschlagung des Ungarnaufstandes. Im Zuge der „Tauwetterperiode“ war es in Ungarn nach Stalins Tod zu verschiedenen Lockerungen des Systems gekommen. Als Ungarn 1956 den Austritt aus dem „Warschauer Pakt“ erklärt und den nationalen Eigenweg gehen will (womit am Ende von Pluto in Löwe endlich doch einmal ein individueller Befreiungsschlag versucht wurde), stellt die Sowjetunion mit brutaler Waffengewalt die Konformität (Pluto/Jungfrau negativ) wieder her.

In Deutschland errang 1957 Adenauer nach achtjähriger Amtszeit erstmals die absolute Mehrheit, das heißt, dass sein konservativer Kurs nun auf breitester Ebene Bestätigung fand. Die Bundesrepublik wollte zur Normalität zurückkehren und unter einer perfekten Oberfläche den wiedergewonnenen Wohlstand genießen: Man bezog endlich sein Eigenheim, fuhr mit dem Auto am Sonntag ins Grüne und stattete die Ehefrau standardmäßig mit Pelzmantel und Perlenkette aus. Nichts spiegelt die Heile-Welt-Sehnsüchte jener Zeit besser wider als die kitschigen „Sissi“-Filme mit Romy Schneider, die zwischen 1955 und 1957 in die Kinos kamen, nichts bringt die damalige verklemmte Moral und Biederkeit besser auf den Punkt als die Sparwitz-Attacken eines Heinz Erhardt. Was die Vergangenheit anging, wusch man seine Hände in Unschuld (Alexander und Margarete Mitscherlich fanden 1967 dafür das Wort von der „Unfähigkeit zu trauern“). Die Opfer und Geschädigten des Dritten Reiches hatten, um das harmonische Bild nicht zu stören, jedenfalls weiterhin zu schweigen. Nicht einmal die 68er konnten sich vollkommen dem Klima der Zeit entziehen: So aufrührerisch sie auch gewesen sein mögen – über ihren Aktionen lag stets ein Mief von Humorlosigkeit und Verkrampftheit.

Immerhin trat 1961 die Pille ihren Siegeszug um die Welt an: Empfängnis und Sexualität wurden damit kontrollierbar (auch ein Pluto/Jungfrau-Thema), was die Löwe-Pluto-Generation sichtlich freute: Endlich konnte die Sexualität befreit ausgelebt werden.

Die Erben (die Generation der 35- bis 50-jährigen): Die Pluto-in-Jungfrau-Generation ist in ihrem Erscheinungsbild eher unauffällig und macht wenig „Aufhebens“ von sich. Eingedenk der Elterngeneration lehnt sie Fassadenhaftigkeit energisch ab. Ihr größtes Verdienst liegt sicherlich in der Erkenntnis, dass die Welt eben nicht so heil ist, wie man das in den 60er Jahren zwanghaft behauptete (damals war es schon ein staatsfeindlicher Akt, darauf hinzuweisen, dass der Rhein verschmutzt ist), und dass endlich etwas getan werden muss, um unsere natürlichen Ressourcen zu bewahren. Die Pluto-in-Jungfrau-Generation wurde damit zwar nicht zum lautstarken Vorkämpfer des Öko (das überließ sie eher den etwas älteren Löwe-Pluto-Aktivisten), jedoch zum breiten Träger von Umweltmaßnahmen, biologischem Landbau und alternativen Heilmethoden. Viele Betroffene legten zudem in einer unaufgeregten Weise die kleinbürgerliche Enge der Elterngeneration ab und entwickelten in der nachfolgenden Pluto-in-Waage-Phase, in der das traditionelle Familienmodell zerbrach (s.u.), zusammen mit den Vertretern der kreativen Pluto-in-Löwe-Generation pragmatische alternative Lebensentwürfe (Kinderläden, allein erziehende Mütter, Single-Dasein etc.). Prototyp dieser Generation ist die unauffällig geschminkte Frau im Alternativlook.

Auf der anderen Seite hat Pluto in Jungfrau aber auch viele Neurosen hervorgebracht: Als Nachhall auf die „Saubermann-Erziehung“ finden sich (vor allem in Verbindung Plutos mit den persönlichen Planeten) Gesundheitswahn und freudloser Öko-Puritanismus, bis zur Allergie getriebener Putz- und Reinlichkeitszwang, sexuelle Störungen aller Art und ein atemberaubender Perfektionismus, der über dem Detail leicht das Ganze aus dem Blick verliert. Auch die Dienstleistungsgesellschaft mit ihrem gnadenlosen Zwang, sich anzupassen und zu funktionieren, nahm hier ihren Ursprung.

Kurioserweise entspricht die Pluto-in-Jungfrau-Generation ziemlich exakt der erst neulich in den Medien entdeckten „Sandwich-Generation“, die – passend zum jungfräulichen Ethos – möglichst viel in diesem Staat leisten soll, ohne jedoch angemessen davon zu profitieren.

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Autor:   Petra Dörfert
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