 Pluto
in Zwillinge (1884 – 1913/14)
- Potential: Die Revolution des 3. Hauses - der
Mensch baut sich Werkzeuge, die die Möglichkeiten seiner Fortbewegung
und Kommunikation vervielfachen.
- Schatten: Aufgrund des rasanten technischen
Fortschritts erscheint auch die geistige Beherrschbarkeit der Welt möglich.
Unter
Pluto in Zwillinge wurde der Grundstein für unsere moderne Welt gelegt.
Viele heutige Ereignisse unter Pluto in Schütze, dem Oppositionszeichen
zu den Zwillingen, nehmen spiegelbildlichen Bezug auf die damaligen Entwicklungen
(s.u.). Unter Pluto in Zwillinge kam es zu einer explosionsartigen Entwicklung
in den zwillingstypischen Bereichen Verkehr, Medien und Kommunikation. So stammen
fast alle bis heute wichtigen Transportmittel aus dieser Zeit: 1886 wurde das
Auto erfunden, 1890 die Londoner U-Bahn als erste der Welt eingeweiht, ab 1900
der Flugzeugbau mit aller Kraft vorangetrieben. Als neuartiges Kommunikationsmittel
trat das Telefon seinen Siegeszug an, ab 1890 eroberte der Film sich sein Publikum.
Bereits bekannte Technologien wie etwa die Eisenbahn wurden konsequent ausgebaut.
Auch wenn uns die Jahrhundertwende eher nostalgisch anmuten mag, in den Großstädten
hatte man damals den Eindruck von atemberaubender Schnelligkeit und unerhörter
Informationsflut.
Am Ende von Pluto in Zwillinge stand demgemäß eine der berühmtesten
Verkehrskatastrophen der Welt, nämlich der Untergang der Titanic (1912),
in der das modernste und schnellste Linienschiff seiner Zeit aufgrund von Größenwahn
(Pluto) und Sorglosigkeit (Zwillinge) buchstäblich „auf Eis lief“.
Dass ausgerechnet dieses Schiffsunglück sich in das kollektive Gedächtnis
einprägte, hat wohl etwas mit dessen Symbolcharakter zu tun: Die Fortschrittseuphorie
von Pluto in Zwillinge gelangte hier nämlich an ihren definitiven Endpunkt.
Der Übergang Plutos in das Folgezeichen Krebs mündete allerdings in
eine noch größere Katastrophe, denn im Ersten Weltkrieg richteten
sich all jene Technologien, die sich der Mensch zu Wohl und Vergnügen erfunden
hatte, plötzlich gegen ihn.
Die Erben (die heute über 90jährigen): Die Pluto-in-Zwillinge-Generation
trug allerdings noch ein ganz anderes Erbe in die Folgezeit weiter, nämlich
die Anfälligkeit für zerstörerische Ideologien aller Art. Der
zwillingstypische Hang, eigentlich alles plausibel und interessant zu finden,
sofern nur geschickt genug argumentiert wird, brachte unter Pluto-in-Zwillinge
eine Menge abstruser, menschenfeindlicher und technokratischer Denksysteme in
Umlauf (anschaulich geschildert z.B. in Thomas Manns Zauberberg). Gefährlich
wurde es, als Pluto in andere Zeichen lief, in denen man aus dem beliebig-folgenlosen
Spiel der Ideen ernst machte und einige davon gewaltsam umzusetzen begann. Es
waren jedenfalls zunächst die unter Pluto in Zwillinge Geborenen, die bereitwillig
all jenen „-ismen“ anhingen, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts
unzählige Menschenleben kosteten. Auch die Züge (Zwillinge) nach Auschwitz
(Pluto) erscheinen so als eine späte Ausgeburt dieses Transits.
Wer sich fragt, warum sein verbohrter Nazi-Großvater auch nach dem Zweiten
Weltkrieg nichts dazugelernt zu haben schien, sollte vielleicht einmal posthum
dessen Zwillinge-Pluto in Augenschein nehmen...
 Pluto
in Krebs (1913/14 – 1937/39)
- Potential: Die Befreiung von verschiedenen
Nationalismen, die es uns heute ermöglicht, Europäer und Kosmopoliten
zu sein.
- Schatten: Diese „Befreiung“ kostete
55 Millionen Menschen das Leben.
Pluto
in Krebs beginnt mit dem nationalistisch geprägten Ersten Weltkrieg, bei
dem es den Nachbarländern aus „völkischen“ Gründen
an den Kragen ging. Obwohl der Erste Weltkrieg verheerende Opfer fordert, setzt
jedoch keinerlei Lernprozess ein. Statt den Nationalismus als Irrweg zu erkennen,
der schon einmal den Untergang gebracht hat, heizen die erlittenen „Demütigungen“
und „Ungerechtigkeiten“ den Nationenhass danach weiter an. In Deutschland
entsteht der Nationalsozialismus, in dem Pluto die Krebsthemen Heimat, Volk
und Familie in „Blut und Boden“ (Mystische Bindung an Heimat und
Abstammung), Rassenwahn (Auslöschung derer, die blutsmäßig nicht
dazugehören), Revanchismus (nationale Rache) und eine ultrakonservative
Familienpolitik verwandelt.
Zum Kriegsausbruch kommt es allerdings erst, als Pluto in den Löwen wechselt.
Offenbar hatte man vorher denn doch nicht den Mut, den Traum von der nationalen
Größe ein zweites Mal anzugehen. Das Resultat ist bekanntlich tragisch:
Während des Zweiten Weltkriegs wird gerade das, was der Krebs am meisten
liebt, nämlich Heimat und Familie, in großem Maßstab vernichtet.
Immerhin werden uralte nationale Streitfragen, wie: „Wem gehört der
Rhein?“, nun ein für alle Mal aus der Welt geschafft. Quasi mit der
Brechstange (gewaltsame Vertreibung von Minderheiten, Grenzziehungen am Reißbrett
etc.) wird von den Siegermächten eine nationale Ordnung geschaffen, die
Mitteleuropa bis heute Stabilität verschafft.
Die Erben (die heute über 65jährigen): Die Ältesten dieser Generation
wurden noch an der Front verheizt, die Jüngsten mussten als Kleinkinder
miterleben, wie ein sicheres Heim von einer Minute zur anderen in Rauch aufgehen
kann. Entstanden ist eine Generation von Traumatisierten, die in der pragmatischen
Wiederaufbauzeit, die oft nur wenig familiäre Wärme bot und in der
über die Vergangenheit nicht gesprochen werden durfte („Sei froh,
dass du überlebt hast!“), ihre Wunden verbergen musste. Die Betroffenen
leiden bis heute zum Teil schwer an den psychischen Nachwirkungen der damaligen
Erlebnisse.
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