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Erklärung zu Systemaufstellungen

Zur Geschichte und Entwicklung
von Heribert Döring-Meijer


Die heute als "Skulpturarbeit nach Satir" bekannte Methode - die für viele systemisch arbeitende KollegenInnen auch als Vorläufer der Strukturaufstellungen (Kibed/Sparrer) und der weiteren Aufstellungsarbeit gilt - wurde ursprünglich von Virginia Satir (erstmals 1951) unter dem Namen sculpting ( szenische Darstellung) in ihrer therapeutischen Arbeit mit Familien entwickelt und eingesetzt. Satir nutzte die szenische Darstellung ihrer Wahrnehmung der Familie um ihren Eindruck "non-verbal" zu veranschaulichen. Der "non -verbale Anteil" dieser Methode war ihr sehr wichtig, da sie die Beobachtung gemacht hatte, dass ein Austausch ausschließlich auf verbaler Ebene Distanz aufrechterhalten und Nähe abwehren kann. Bei der szenischen Darstellung der Familie wurde jedes Familienmitglied im Raum in Beziehung zu den anderen Familienmitgliedern positioniert. Die Gestik und Mimik wurde ebenso mit einbezogen. Virginia Satir ließ jedes Familienmitglied Rückmeldung über die Gefühle bezüglich ihrer Darstellung geben und ließ dann nacheinander jedes Familienmitglied sein inneres Bild der Familie darstellen und beschreiben. Das auf diese Weise präsentierte szenische Bild ermöglichte ihr und den "Mitspielenden" Rückschlüsse auf Rollen, Regeln, offene und geheime, persönliche Grenzen innerhalb der Familie. Unbewusstes wurde sichtbar und wurde wahrgenommen. Meistens hatte jedes Familienmitglied eine andere Sicht der Dinge im Familiensystem. Satir nutze diese Entdeckung der Unterschiede die den Unterschied machen - um bei den Familien Bereicherung und wechselseitige Akzeptanz zu fördern. In einem weiteren Schritt ließ sie jedes Familienmitglied sein Wunschbild darstellen. Dieses Bild ermöglichte einen Zugang zu verborgenen Sehnsüchten,
Hoffnungen und Haltungen.

1993 war ich (Autor) auf Einladung des Gestaltinstituts und des psychologischen Instituts der Universität Moskau zu einem Vortrag "Paradigmenwechsel in der Arbeit mit Drogenabhängigen und Alkoholikern durch systemische Therapie und Familienrekonstruktionen" - in Russland. Ein Jahr zuvor (1992) hatte Andree Schurygin, Psychologe und Mitarbeiter einer Moskauer 12 Schritte Klinik für Alkoholiker, die Genehmigung erhalten, 4 Wochen im Psychosozialen Zentrum in Freiolsheim (Suchtklinik im Nordschwarzwald) zu hospitieren und unsere "Systemische Arbeit", u. a. auch Familienrekonstruktionen nach Satir und Familienstammbaumarbeit nach Döring-Meijer, kennen zu lernen. Ich leitete damals eine gemischtgeschlechtliche Abteilung dieser Klinik.

Im gleichen Jahr lernte ich auch Bert Hellinger als Gastreferent und Gastsupervisor in der benachbarten "Psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb" in Bad Herrenalb (Nordschwarzwald) kennen und sah in auch das erste Mal arbeiten. Zur gleichen Zeit erschien Hellingers Grundlagenwerk "Ordnungen der Liebe", dass ich damals mit einer Widmung von ihm geschenkt bekam. Erst einmal war ich sehr begeistert von Bert Hellingers Familienaufstellungsarbeit und der Ordnungen im System - letztere schaute ich durchaus auch kritisch an. Wir verabredeten uns zu einem eventuellen Kongress "Familienaufstellungen für Suchtkranke" in Karlsruhe für Betroffene und Therapeuten, Sozialarbeiter die in diesem Kontext arbeiteten. Dieser Kongress fand dann 1995 im Theatersaal der Karlsruher Waldorfschule mit überwältigendem Andrang.

Systemisch – > "konstruktivistisch oder phänomenologisch" - oder etwa "Beides" oder "Keins von Beiden"?!

In der systemisch, konstruktivistischen Therapie und Beratung interessiert, welche Bedeutung Klienten eigenen Erfahrungen und Erlebnissen zuschreiben und welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen > welche Geschichte sie entwickelt haben. Oftmals zeigt sich diese Geschichte als nicht (mehr) hilfreich. Den Klienten wird angeboten, eine andere Geschichte zu entwickeln, die neue Möglichkeiten eröffnet, damit sich neue Wirklichkeiten auftun und die Einschränkung der "alten" Geschichte ihre Kraft verliert.

Bei dem von Bert Hellinger geprägten Begriff der "phänomenologischen Vorgehensweise" geht es um eine innere Haltung im Wahrnehmungsprozess, die Bert Hellinger auch "absichtsloses Schauen" nennt. Bei diesem absichtslosen Schauen auf die sich momentan zeigende Wirklichkeit kann es sich nicht um eine objektive Wahrheit handeln sondern eher um einen schöpferischen Prozess, denn menschliche Wahrnehmung kann nie frei sein von individuellen Erfahrungen.

In der systemisch, phänomenologischen Arbeit werden bestimmte Ereignisse und Konstellationen häufig auf gleiche Art und Weise neu erklärt und bewertet. Ausgangspunkt dieser Art der "Geschichtsschreibung," ist das, was sich in der systemisch-phänomenologischen Aufstellungsarbeit zeigt und offenbart. Um ihrer Wirkung willen gilt diese Geschichte als die im Moment einzig richtige, weil sie sich für den Klienten im Moment als hilfreich (hilfreiche Konstruktion) erweist und ihm neue Erfahrungsmöglichkeiten eröffnet:

> Wenn es (z.B.) so wäre, dass ein totes Kind vom "Himmel" oder "von-wo-immer-auch" zu seinen Eltern hinunter schaut …, wie würde es den Eltern gehen, wie würde es den Geschwistern gehen, und wie würde es sich anfühlen, wenn das tote Geschwister seinen guten Platz bekäme und in der Geschwisterreihe sein dürfte usw. usw.

Auf diese Weise können Erfahrungen des sich "ganz" (heil) Fühlens vermittelt werden. Bei Bert Hellinger heißt es: Die Ordnung wird wieder hergestellt. Und es scheint so, als ob es eine allgemeingültige, festgeschriebene Ordnung für Alle gäbe. Möglicherweise machen Menschen mit ähnlichen Erlebnissen und ähnlichen Konstellationen die Erfahrung, dass ihnen ähnliche "Konstruktionen" helfen oder nehmen bei aller Individualität von Wahrnehmung eher Gleiches wahr und fühlen daher ähnlich. Wie frei sind wir demnach in der Erschaffung unserer Konstruktionen? Ist das schon ein Phänomen?

Den Begriff der so genannten "stellvertretenden Wahrnehmung" wie ihn Hellinger postuliert (Stellvertreter in Aufstellungen haben die gleichen oder "ähnliche" Gefühle wie die Menschen für die sie in der Aufstellung stehen) teile ich nicht uneingeschränkt, dieser Begriff und die damit verbundene innere Haltung lässt zu viel Spielraum. Bereits 1997 schrieb ich in einem im FroL erschienen Aufsatz über das "Kollektive Unbewusste (C. G. Jung)" und "Morphische Resonanz (Rupert Sheldrake)" in Aufstellungen mit Suchtkranken.

Der systemisch ausgebildete Psychotherapeut / Berater , als auch Psychotherapeuten, Berater, Supervisoren mit anderem Hintergrund - können "Lösungen" im Sinne wie sie sich bei Hellinger und der entsprechenden Aufstellungsarbeit "zeigen", auch dem Klienten anbieten. Er / sie kann ihn - in guter und fachkundiger Begleitung - ebenso anregen, seine Lösungen zu finden, seine Geschichte mit seinen heutigen Ressourcen "neu" zu schreiben.

Möglicherweise ist das Ergebnis ein ähnliches und manchmal auch > "fasst das Gleiche".

Wenn nun aber der Weg das Ziel wäre, und der Eine lieber barfuss auf der Wiese und der Andere gut beschuht auf gepflastertem Weg liefe und ein Dritter den Weg durch den Bach wählen würde, wäre es uns vielleicht einfacher, zu den verschiedenen Wegen Ja zu sagen und nicht immer nach der guten Wahrheit zu forschen – denn die gibt es sowieso nicht.

Systemaufstellungen

Die Zuordnung "Familienaufstellungen nach Bert Hellinger" bzw. "Familienaufstellungen" - vorher in der Suchtklinik in Freiolsheim Familienrekonstruktionen nach Satir - habe ich zwischen 1995 und etwa 2001 benutzt und habe diese Zuordnung bald eher als einschränkend erlebt. Den von mir teilweise schon Ende der 90er Jahre benutzte Begriff "Systemaufstellungen" umfasst für mich mehr als nur die Familie, die Sippe sondern den gesamten Kontext meiner Klienten, meiner Kunden und macht für mich viel expliziter auch die Systemgrenzen deutlich (das Ganze ist mehr - als die Summe seiner Teile).

Zum Schluss ein paar Gedanken zur Aufstellungsarbeit und zu Hellinger

Dieser Artikel soll neugierig machen und mutig anregen die verschiedensten Wege auszuprobieren und somit auch
die so genannte systemisch, phänomenologische Arbeit und Haltung in die verschiedensten Kontexte - unter anderem auch Sozialarbeit, Recht, Organisationsberatung, Mediation etc. - zu tragen bzw. zu vertiefen.

Ich danke meinen Kollegen/innen - im besonderen Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd - und natürlich auch allen anderen die sich mit dieser Arbeit auseinander setzten und setzen, für ihr Engagement zu neuen Sichtweisen zu kommen - unter gleichzeitiger Rückbesinnung auf die unterschiedlichsten Quellen dieser Arbeit an denen ich teilhaben konnte - und die ich auch mit gestaltet habe.

Auch Bert Hellinger steht in der Tradition seiner Lehrer und Vorgänger über die er nach meiner Meinung zu wenig sprach und kaum benannte. In Zeiten des Umbruchs und der Wandlung der Arbeit ist es wichtig, "Altes zu würdigen und Neues mutig zu gestalten".

 

Heribert Döring-Meijer
Systemische Beratungspraxis CLARO!



Heribert Döring-Meijer




gedruckt am 10.09.2010 - 05:26
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